Mueller (1874-1930), Mädchenakt vor dem Spiegel, 1924
Otto Mueller(1874 Liebau - 1930 Obernigk), Mädchenakt vor dem Spiegel , 1924. Lithographie auf leicht gehämmertem Büttenpapier, 38,9 cm x 28,9 cm (Darstellung), 57 cm x 44 cm (Blattgröße), unten rechts in Blei mit „Otto Mueller“ signiert. Eines von etwa 20 Abzügen, die Otto Mueller wohl eigenhändig neben der Verlagsauflage von 40 Exemplaren angefertigt hat. Karsch 132.
- kraftvoller Abdruck, leichter Schatten des Druckstocks, kleine Flecke am linken Randbereich, minimal angestaubt, insgesamt in einem außergewöhnlich gut erhaltenen Zustand
- Die Reflexion der Kunst -
Wir sehen eine für Otto Muellers Figurenauffassung charakteristische weibliche Gestalt, für die wohl seine zweite Frau, Elisabeth Mueller (vormals Lübke), Modell gestanden hat. Die Darstellung ist zwar ein Porträt zugleich aber auch eine Veranschaulichung der Weiblichkeit. Die dargestellte Frau betrachtet ihren eigenen entblößtes Körper im Spiegel. Die breiten präzisen Striche konturieren den Körper, wobei das Gesicht, insbesondere die Augen und Augenbrauen, aber auch die Nase und der Mund aus eben denselben breiten und präzisen Strichlagen hervorgeht, die zugleich für sich selbst stehen. Es ist die Formensprache von Otto Muellers Kunst, die die Frau ‚nach der Natur‘ hervorgebracht hat, so dass sich nun ihre eigentliche ‚Natur‘ offenbart, die der Frau beim Blick in den Spiegel präsent wird
Der bildgebende Spiegel steht für die Kunst selbst. Das Bild offenbart das ‚wahre Wesen‘ und das Bild ist das von Otto Mueller geschaffene Kunstwerk. Daher wendet uns die Frau im ‚realen‘ Bildraum den Rücken zu, während sie im Spiegel in der Vorderansicht erscheint. Die Lithographie ist neben der Veranschaulichung der Weiblichkeit somit zugleich eine programmatische Reflexion Otto Muellers auf seine eigene Kunst und damit ein Schlüsselwerk seines Oeuvres.
zum Künstler
Nach einer Lithografenlehre und einem abgebrochenen Kunststudium in Dresden und München entschied sich Otto Mueller autodidaktisch zu arbeiten. Ab 1908 lebte er in Berlin, wo ihn 1910 Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Hermann Max Pechstein besuchten, um Otto Mueller, den sie als Wegbereiter der Brücke ansahen, zum Mitglied der Künstlergruppe zu machen. Bis zur Auflösung 1913 gehörte Otto Mueller der Brücke an. Bei den gemeinsamen Ausflügen an die Moritzburger Seen entwickelte Mueller seine typische Figurenauffassung, die Körper und Natur auf ganz neue Weise miteinander verbindet. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Soldat und erkrankte schwer. Ab 1919 war Mueller Professor in Breslau, folgte in seinem Lebensstil aber der künstlerischen Bohème. In den 1920er Jahren unternahm er Reisen nach Südosteuropa, wo das „Zigeunerleben“ zu einem zentralen Thema seines Werkes wurde. 1930 verstarb er an Tuberkulose.
„Ich denke: Ein Mensch, welcher von andern nichts verlangt, sondern das, was da ist, genießt und geistig verarbeitet, wird sich auch von anderen nichts abverlangen lassen, sondern ruhig weiterarbeiten, und zwar nur für die, welche wiederum genießen können, was er verarbeitet hat.“
Otto Mueller

